Elektronische Zärtlichkeit

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2018

Ästhetische Korrespondenzen in einer elektro-textilen Raumhülle

#StudioIntegrativeDesign #Master-Thesis


Sophie Kellner setzt sich seit einiger Zeit mit dem Thema «Wearables», tragbarer Elektronik, auseinander. In ihrer Masterarbeit hat sie eine begehbare Textilskulptur kreiert, eine elektronische Zärtlichkeit in Form einer textilen Raumhülle und integrierter Elektronik.

Ein elektronisch-textiler Teppich als Garten und geheimnisvoller, poetischer Raum, ein persönlicher Zufluchtsort


Die Elektronik wird durch die spielerische Interaktion des Akteurs mit dem Material erfahrbar. Textiles Material und elektronische Komponenten fügen sich in diverser Haptik und Optik in einem «textilen Garten» zusammen, die einzelnen «Beete» sind aus dicker Wolle, in die sich leitender Stoff und leitendes Garn, Magnete und Platinen mischen. Allesamt in Rot, mit einigen türkisen Akzenten und dem Gold und Silber der leitfähigen Materialien, mal dicht, mal locker und sogar löchrig offen, breitet sich die zärtliche Raumhülle in den weißen Holzwänden aus, welche die tragende Struktur bilden.


Die haptische Interaktion des Akteurs lässt das Textil elektronisch reagieren: Geräusche ertönen aus gestickten Spiralen, die als textile Lautsprecher fungieren, und aus Öffnungen im Teppich bläst ein sanfter Luftstrom.

Mit Leichtigkeit, Humor und Poesie, also einer elektronischen Zärtlichkeit, soll eine Interaktion der Sinne und ein Begreifen der Technik erfolgen.


Der Besucher ist zugleich Akteur im Raum und hat die Möglichkeit, die Atmosphäre, die dem Raum innewohnt und die durch Textil, textile und nicht-textile Elektronik geschaffen wird, zu erspüren. Der textile Garten oder das, was in ihm «lebt», antwortet an einer Stelle mit Geräuschen auf die Berührung. Es sind Töne, die nicht zu viel verraten, sondern die eigene Fantasie anregen sollen. Die Formsprache als auch die Reaktionen dieser besonderen Elektronik antwortet mit poetischer Zärtlichkeit.

«Knowledge comes from our senses, extend our senses and we extend our knowledge. Let‘s stop building apps for mobile phones and start building apps for our bodies.» (Harbisson, 2013)

Sophie geht in ihrer Arbeit von einer Konvergenz des Materials aus: die Elektronik verschmilzt mit ihrer Hülle und es entsteht ein «elektronisches Kleid». Die Bedürfnisse von Elektronik und Textil vor ihrer Konvergenz, ihrer «Umarmung», kann man sich nur vorstellen: Die Platine fühlt sich etwas eckig und möchte möglicherweise etwas weicher sein oder sich mit etwas Weichem verbinden, und das Textil möchte vielleicht «smarter» sein.


Textil kann natürlich auf andere Weise kommunizieren: optisch und über Assoziationen ebenso wie über Geräusche, die beim Tragen oder Berühren entstehen. Fülliges, haariges Textil hingegen schluckt andere Geräusche und spricht die Sprache der Stille.


Was sagt also die Wolle, wenn sie gestreichelt wird? Welche zärtliche Antwort gibt sie? Oder ehrlicher formuliert: welche zärtliche Antwort wird programmiert und abgespielt? Aus dem Aneinanderreihen und Zusammenfügen der gegensätzlichen Materialien entsteht ein Garten, der gleichwohl Ort kreativer Imagination sein soll, als auch die kritische Debatte über die Konvergenz von Elektronik und Textil in zukünftigen Anwendungen in intimer Nähe zum Menschen öffnet und die Formsprache durch aktives Erleben diskutiert.

Textile Elektronik heißt interdisziplinäres Arbeiten


Neben textil-technischen Forschungsinstituten agiert weltweit eine Open-Source-DIY-Hacker Szene für elektro-textiles Schaffen. «Wicked Fabrics», verhexte Stoffe, nennen sie ihre Arbeiten (Satomi & Perner-Wilson, 2018). Soft- und Hardware wie «Arduino» und «LilyPad», ein annähbarer Mikrokonroller, entwickelt von Leah Buchley, MIT, (Buechley, 2018), sowie ausführlich dokumentierte Blogs, Herstellerseiten und Web-Communities ermöglichen einen breiten öffentlichen Zugang und eine reiche Wissensdatenbank. Die Protagonisten dieser «Wicked Fabrics»-Szene sind Vorbild für den gestalterischen Ansatz von Sophie Kellner, könnten aber auch Inspiration für die produzierende Industrie werden.


Dabei sind sowohl vor als auch nach der Herstellung eine Vielzahl an Dingen zu bedenken, zum Beispiel: wie soll der Stromkreis verlaufen (die leitfähigen Fäden dürfen sich nicht berühren, sonst entsteht ein Kurzschluss), wie lang können die Leiterbahnen sein oder wie kurz müssen sie sein (über lange Strecken geht elektrische Spannung und somit Energie verloren), wo kommt die Stromversorgung her, muss beziehungsweise kann das Textil gewaschen werden und wie entsorge ich das Textil (Stichwort Elektroschrott und Materialrecycling).

Das Kleid der elektronischen Komponenten kann nicht nur Schutz, sondern auch Zierde sein.


Bis heute werden herkömmliche elektronische Bauteile in Taschen, Knöpfen etc. versteckt. In dem Streben nach perfekter Konvergenz jedoch wäre ein anderer Ansatz denkbar: man «bricht» elektronische Bauteile auf und setzt diese in textiler Form um mit dem Ziel, textile Vorzüge wie Flexibilität und Anschmiegsamkeit tatsächlich und auch für die elektronischen Bauteile wirksam werden zu lassen.

Der Prozess von Sophie Kellners Masterarbeit ist ebenfalls auf ihrem Blog einsehbar.

Mentorat:

Prof. Dr. Bettina Köhler

, Studio Integrative Design

Agnes Meyer - Brandis

, Installationskünstlerin