Tactile Matters

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2020

Taktile Feldforschung an den Grenzen von Kleidung

#StudioIntegrativeDesign #Master-Thesis

Im Zusammenspiel von primär visuell geprägten Gestaltungskriterien in der Modeindustrie und eine durch fortschreitende Digitalisierung ausgelöste Überlastung des Sehsinns, verliert der Tastsinn zunehmend an Bedeutung. «Tactile Matters» untersucht, inwieweit Kleidung als eine direkt am Körper getragene zweite Haut das Potenzial hat, durch ihre taktilen Qualitäten positiv auf das Selbstbewusstsein ihrer Träger einzuwirken.

"Clothing is material production while fashion is symbolic production. Clothing is tangible while fashion is intangible. Clothing is a necessity while fashion is an excess."
– Yuniya Kawamura

Kleidung ist zweckgebunden, aber sie ist auch Dreh- und Angelpunkt des visuellen Zeichensystems der Mode. Während Kleidung am Körper getragen wird, wir sie spüren und ihre Materialität fühlen können, ist Mode eine ästhetische, eine kulturelle Praxis. Sie ist also nicht substanziell an sich. Ihr Inhalt wird ihr dadurch, dass Menschen mit Kleidung interagieren, in einem dynamischen Prozess immer wieder neu zugeschrieben. Mode meint also nicht Kleidungsstücke oder Accessoires, es geht vielmehr um das aktive Handeln mit ihnen.


Die in dieser Arbeit entstandenen experimentellen, taktil-funktionalen Trainingsanzüge wurden so konzipiert, dass sie Wirkzusammenhänge aus dem Bereich der Haptik-Forschung berücksichtigen. Sie sind spekulative Formwerdung einer Auseinandersetzung mit unserem Tastsinnessystem einerseits und den Herausforderungen, denen wir als Menschen im Zuge der Digitalisierung gegenüberstehen andererseits. «Tactile Matters» versteht sich auch als einen Denkanstoß, bestehende Gestaltungslogiken in der Industrie und den eigenen Umgang mit Kleidung zu hinterfragen.

> Tactile tracksuit, base layer.

Der «Fühlanzug» aus weichem Neopren versteht sich als unterste Schicht des mehrteiligen Trainingsanzuges, der einzeln oder im Zusammenspiel mit den anderen Anzügen getragen werden kann. Die Oberfläche ist – basierend auf der in der Analyse entwickelten taktilen Körperkarte – mit Flockfasern bearbeitet und bietet damit eine andere Oberflächenbeschaffenheit als das Trägermaterial. Die applizierten Muster laden zum Darüberstreichen ein und stimulieren so die Hände, die sich im Erkennen der Unterschiede der Formen üben können.


Ein auf grafischen Grundformen basiertes Fühlrelief auf dem Bauch dient zur Überprüfung der Funktion des Tastsinnessystems. Ähnliche Muster kommen in der Haptik Forschung zum Einsatz um zu überprüfen, ob die Wahrnehmung des eigenen Körpers gestört ist. Entsteht das richtige Bild vor dem inneren Auge? Stimmt die Tastsinneserfahrung mit der Realität überein? Seitliche Cut-Outs am Oberteil und in den Ärmeln lassen zudem die Berührung der eigenen Haut zu

> Tactile tracksuit, mid layer.

Im Gegensatz zum base-layer des Anzugs, der sowohl der haptischen Exploration dient als auch taktile Reize aussendet – wirkt die «Embrace-Vest» hauptsächlich taktil. Sie wird eng am Körper getragen und durch den Einsatz von Gewichten wirkt sie auf den Träger wie eine andauernde Umarmung. An verschiedenen Stellen der Weste sind Sandpäckchen eingearbeitet – positioniert auf den Schultern wie eine Art Schulterpolster, seitlich am unteren Rippenbogen, sowie hinten am unteren Rücken. Der Druck auf den Schultern entfaltet eine Wirkung wie ein aufmunterndes Schulterklopfen, dass sich positiv auf den Gemütszustand der Träger auswirkt.


Die Gewichte vorne und hinten am Oberkörper geben ein konstantes Feedback über die eigene Bewegung und helfen, die eigene Körperhaltung besser wahrzunehmen und vielleicht zu korrigieren. Die «Embrace-Vest» wirkt beruhigend und soll den Trägern helfen, gedanklich bei sich zu bleiben und sich zu fokussieren.

> Tactile tracksuit, outer shell.

Das «Reliefhemd» basiert ursprünglich auf einem weißen Baumwollhemd. In der Umfrage zu Lieblingskleidungsstücken, wurde geschlechterübergreifend das Hemd genannt – mit der Begründung sich in einem Hemd in vielen Situationen richtig angezogen und damit wohl zu fühlen. Mit Hilfe von 3D-Scan-Software wurde zuerst ein Hemd digitalisiert und dabei Faltenwürfe durch Eigengewicht, Material und Schnitt im Scan festgehalten. Anschließend wurde das Tragegefühl der Stofflichkeiten und der Materialeigenschaften anhand festgelegter Kriterien in eine neue Topologie transformiert.


Was vorher als situative Eigenschaft des Stoffes nur flüchtig in Bewegung sichtbar wurde, ist jetzt dauerhaft spürbar als reliefartige Oberfläche. Dadurch wird die äußerste Schicht des Trainingsanzuges auch als Metapher für die Bewusstmachung der haptischen Eigenschaften von Kleidung lesbar und als versöhnliche Geste zwischen digitaler und analoger Welt.

Die Arbeit verdeutlicht ingesamt ein noch nicht adressiertes Potenzial für neue Lieblingskleidungsstücke, die man in Stress- oder unangenehmen Alltagssituationen nicht mehr missen möchte und die uns unterstützen könnten, wenn die Zusammenhänge zwischen taktilen Reizen, der Informationsverarbeitung im Gehirn, unseren Emotionen und unserem Selbst- und Körperbewusstsein stärker Eingang in die Gestaltung von Kleidung finden würden.

Mentors:

Prof. Armin Blasbichler

, Studio Integrative Design

Dr. Christine Schranz

, Masterstudio Design

Susanna Hertrich

, Institute of Experimental Design and Media Cultures